Die diebische Elster – 60 Jahre TSG

Erinnerungen an Todesangst vor Sardiniens Küste

Junge Tintenfische sind eine Leckerei! Aber dieses Tintenfisch­kind, das uns fange Zeit über regel­- mäßig besuchte, brauchte keine Angst zu haben, in der Pfanne schmoren zu müssen. Eines Tages war er da. Gisela und Jupp hatten Spüldienst im seichten Wasser nah am Ufer, sie standen bis zu den Knien im Wasser, als Jupp ein sanftes Streicheln an seinen Beinen spürte, dann ein leichtes Ansaugen, als würde sein Bein geküßt. Bei näherer Betrachtung erwies sich der küssende Mund als einer der acht Saugarme eines jungen Tin­tenfisches.

Er hatte keine Angst; die gelbe Plastikspülschüssel hatte es ihm angetan. Nach den „Küssen“ legte er seine Saugarme um die Schüssel und versuchte, sie ins tiefere Was­ser zu ziehen. Aber sie war zu schwer. Da entdeckte er am Ufer einen Kochtopf. Zwei seiner acht Arme legte er um diesen Topf, dann zog er. Aber der Topf regte sich nicht. Da nahm er drei der acht Arme zur Hilfe, legte sie um den Topf, drei andere um einen Stein im Wasser in entgegen­gesetzter Richtung, er krümmte sich zusammen und zog so an dem Topf. Aber auch das half nichts, der Topf war zu schwer.

Die diebische Elster - 60 Jahre TSG
Auf du und du mit einem Hairochen auf dem Meeresgrund in 36 Meter Tiefe. Das Wasser ist nicht so klar wie das des Mittelmeeres, dennoch ist das Ungeheuer gut zu erkennen.

Dieses Tintenfischkind kam alle Tage wieder, wenn gespült wurde. Und es geschah etwas Seltsames: jedes Mal, wenn er sich wieder in sein tieferes Reich begeben hatte, fehlte etwas vom Geschirr! Eine Gabel, ein Löffel, immer etwas Blinkendes. Sollte unser Tinten­fisch im Meer die Rolle spielen, die zur Luft unsere Elstern spielen?

Als wir ihn genauer beobachten wollten, kam er nicht mehr. Er hatte sich an Jupps Arm so fest ange-saugt, daß er nicht mehr los­kommen konnte. Jupp brachte ihn schwimmend weit ins Meer hinaus, ohne vom kleinen, papagei­schnabelartigen Mund gebissen zu werden. Und da ging unser Tinten­fisch freiwillig in die Tiefe und wurde nie mehr gesehen.

Sogar die gefährlichsten Tiere zeigten sich zuweilen als Freunde. Aber eines Tages sichteten wir auf dem Meeresgrund einen Stachel­rochen. Er war so groß, wie wir nie einen gesehen hatten. Später wußten wir: er wog zwei Zentner.

Jäh kam die Erinnerung: Horst hatte im Mittelmeer vor Sardinien im vergangenen Jahr einen hand­teller-großen Stachelrochen erlegt, aber dieser platte, mit einem lan­gen Schwanz versehene Fisch war ihm gefährlich geworden. Eine sei­ner Stacheln am Schwanz (es war ein Weibchen, denn es hatte keine Klammerorgane) hatte ihn im Todeskampf unter Wasser getrof­fen. Halb ohnmächtig vom Gift des Stachels war Horst noch an die Wasseroberfläche gekommen, dann zog man ihn ins Boot, wo er sofort das Bewußt-sein verlor. Im Hafen schleppte man ihn zum Arzt, aber Horst wußte von allem nichts mehr; das starke Herz-gift des Fisches hatte ihm alle Sinne ge­nommen.

Die diebische Elster - 60 Jahre TSG
Nach zehn Tagen Tintenfisch Besuch und wir hätten beim Essen die Finger anstatt des Geschirrs nehmen müssen. Ein Löffel, eine Gabel nach der anderen gingen „verloren“.

Ein französischer Arzt half ihm auf barbarische Weise, aber die viele Tage lang dauernde Kur ret­tete Horst. Wochenlang danach durfte er keine Treppe steigen. Der französische Arzt meinte grin­send, nicht er, sondern das starke Herz von Horst hätten ihm das Leben gerettet.

Einen solchen Stachelrochen, nur um das Hundertfache größer, ent­deckten wir vor Lanzarote. Er hatte am Schwanz zwei lange, bleistiftdicke Stacheln. Rochenfleisch schmeckt großartig. Wir jagten ihn …

Demnächst in meiner Kolumne: Ein Fischt stöhnt auf

Viel Spass, Wolfgang